Die
„Stör-Düvel"-Story
Da standen
sie: drei hochglanzpolierte Schiffe mit Rümpfen in
einer satten blauen Farbe und weißen Aufbauten, mit Holzmasten
und Bäumen, eines größer als das andere. Das kleinste
war ein sogenannter Daysailer und schied damit schon aus der engeren
Wahl aus. Schließlich träumte man vom Befahren der
großen Meere mit Familie und Freunden. Dann wurden die anderen
beiden Yachten in Augenschein genommen, die eine 7,50 m lang,
2,13 m breit mit einem Tiefgang von 0,99 m, die andere 10,00 m lang,
gut 3,00 m breit und als Kielschwerter konzipiert.Beide in klassischen
Linien mit Löffelbug und Yachtheck, große
Überhänge, wie sie schon vor dem zweiten Weltkrieg als
non-plus-ultra des Yachtbaus und Schönheitsideal gepriesen wurden.
Die Wahl konnte nicht schwer fallen - wenn da nicht der
beträchtliche Preisunterschied gewesen wäre, nämlich DM
20.000,- zu DM 60.000,-!!
Angefangen
hatte alles in Büsum während langer
Wattwanderungen mit meiner Schwiegermutter, zu der ich ein
ausgesprochen gutes Verhältnis hatte. Sie muß meine
Sehnsüchte beim Anblick vorbeiziehender Boote und Yachten
geahnt haben, als sie eines Tages meinem Blick folgend sagte:
„Kauf' Dir doch eines." So beschlossen Inge und ich die Hanseboot
1962 zu besuchen, die damals noch Ende Januar stattfand. Inge
kannte jemanden aus Heide, der dort ausstellte, und so fanden wir die
oben erwähnten drei Schiffe vor.
Wir
entschieden uns schweren Herzens für die kleinere
Ausführung; die größere hätte unser Budget bei
weitem überschritten. Da unser Kapital noch angelegt war und zudem
noch von einem Notar in Hamburg verwaltet wurde, der es erst
im
Frühjahr freigeben konnte, vereinbarten wir für die
Übergangszeit einen Drei-Monats-Wechsel zu geben. Nach Beendigung
der Ausstellung wurde das Boot, ein Kielkreuzer vom Typ
„Meridian," gezeichnet von dem damals bekannten
US-Yachtkonstrukteur Philip L. Rhodes und gebaut auf einer
niederländischen Werft, zu Wasser gebracht. Die Übernahme
fand in dem kleinen Hafen zwischen Ost-West-Straße und
Trostbrücke statt.
Erich Suck,
Nachbar, Nachbar und Sohn einer Seglerfamilie aus Wilster,
und ich haben uns dann mit gelegten Mast und einem im Schacht
gefahrenen Außenbordmotor der Marke „Crescent" auf den
Weg elbabwärts gemacht. Zur Sicherheit hatte uns die Firma
einen zweiten Außenborder mitgegeben. Die Temperaturen im Februar
waren nicht gerade sommerlich, aber es regnete wenigstens nicht und die
Sonne schaute durch die Schleierwolken. Vorbei ging es an den
St.
Pauli-Landungsbrücken, überragt von den stattlichen
Gebäuden der Seewetterwarte und des DHI, am Fischereihafen,
Övelgönne, Teufelsbrück und dem Süllberg. Die
Tide lief mit uns, doch sie würde uns nicht bis nach Hause
bringen, und da es außer in Glückstadt keinen
geschützten Hafen auf der SH-Seite gab, den man ohne weiteres
anlaufen konnte, beschlossen wir Schulau anzulaufen, das Boot dort eine
Woche liegen zu lassen und am nächsten Wochenende unsere
Überführung in die Wilster Au fortzusetzen. Die Aufsicht
übernahm ein Mitarbeiter der Firma, der dort in der
Nähe wohnte. Wir vertäuten das Schiff an einem der
ausliegenden Schwimmstege als einziges im ganzen Hafen.
Dann kam
die große Sturmflut 1962!!
Erich und
ich versuchten mit dem Auto zum Schulauer Hafen vorzudringen,
doch an allen Absperrungen wurden wir abgewiesen, bis wir
schließlich einem Polizisten kar machen konnten, daß wir ja
Betroffene waren. Mit mulmigen Gefühlen näherten wir
uns dem Hafen. Hier und dort lagen schon Yachten in den Vorgärten,
die in ihren Böcken aufgeschwommen waren, oft mit erheblichen
Schäden an Rumpf und Aufbauten. So steigerte sich die
Spannung bis zum Bersten. Als wir dann einen Teil des Hafens
übersehen konnten, war kein Schiff an der Stelle, wo wir es
vertäut hatten zu entdecken! Wir drangen weiter vor durch
die Trümmer und allem, was das Wasser so mitgebracht hatte. Und
siehe da: die „Meridian" lag friedlich mitten im Hafen, für
uns zwar nicht zu erreichen, doch dem Anschein nach unversehrt. Der
Schwimmsteg war vom Wasser so weit angehoben worden, dass die
Gleitbügel über die Dalben hinweg strichen. An der
nächsten Dalbenreihe blieb der Schlengel dann hängen. Ein
Dalben war zwischen Schlengel, Achterleine, Achterspring und Schiff bei
fallendem Wasser hindurch gestoßen. Die gebrochene Achterspring
war alles, was wir an Schäden hatten.
Erst am
nächsten Wochenende wurde der
Überführungstörn fortgesetzt, zunächst bis
Beidefleth bei „Quietsche," später in die Wilster Au, wo das
Boot trotz Eis und Schnee im Wasser belassen wurde. Als ich bei
„Quietsche" vorsprach, ob ich das Boot dort eine Woche liegen
lassen könnte, fragte er: „Kannst Du schippern? Seilen
köönt veele, ober schippern bloß een poor." Nachdem
Willi Lipp, damals Stammgast dort, für mich gut sagte,
meinte „Quietsche": „Denn lot em liggen!" Beim
späteren Aufriggen gab es dann ein Problem: der Großbaum
paßte offentsichtlich nicht zu dem mitgelieferten Segel. Also
Reklamation!
Der
richtige Großbaum sollte noch im Hafen sein. Also segelte ich
mit Frau und Kindern, damals noch recht unerfahren mit allem, was so
zum Wohnen an Bord gehört, nach Hamburg, um den Baum zu tauschen.
Ich hatte das Segel provisorisch angeschlagen und wir kamen auch gut
dort an. Doch dann hieß es, der Daysailer sei nach Holland
zurück gegangen und mein Baum auch mit der Annahme er gehöre
dazu. Er würde aber sofort von dort geschickt werden. Ich habe
noch oft nachgefragt - ohne Erfolg - bis mir der Kragen platzte.
Kurzerhand fragte ich bei der Werft nach und stellte ein Ultimatum. Der
Baum kam prompt, aber auch ein Schreiben eines völlig
überraschten Managers mit der Aussage, er wisse gar nicht, dass
das Schiff verkauft wäre. Es wäre der Firma in Hamburg in
Kommission gegeben worden und Geld hätten sie auch noch nicht
gesehen. So wurde ich gebeten gegen Erstattung der Kosten einen Prozess
gegen die Firma in Hamburg bei einem deutschen Gericht anzustrengen, um
den Wechsel nicht an diese zahlen zu müssen, sondern direkt
an die Werft. Das klappte zwar nicht, aber ich hatte auch keine
Nachteile davon. Jedenfalls hatte die Hamburger Firma einige Monate mit
dem Geld gearbeitet, das eigentlich der Werft gehörte. Nicht
verwunderlich, daß der falsche Großbaum da doch recht
ungelegen kam.
Welchen
Namen sollte unser Schiff nun tragen? Wir hatten schon einiges
erörtert; ich murmelte was von „Cerberos," der uns vor der
Hölle bewahren sollte. Es wurde verworfen. Dann war in der
„Yacht" ein Bericht über die Reise einer Yacht namens
„Black Devil" abgedruckt. Nun war unser Schiff nicht schwarz und
wir waren nicht in England. Der Lokalpatriotismus kam bei uns durch und
so gaben wir ihm den zweideutigen Namen „Stör-Düvel,"
was sicher nicht alle mit unserem Heimatfluß Stör verbanden.
Never mind!
Rolf
Burmester |